Die neuen Apostel der digitalen Heilslehre

Rund um Digitalisierung und KI ist in den letzten Jahren eine inflationäre, ja beinahe banale Bildungs- und politische Industrie entstanden. Sie tritt nicht mehr nur beratend, erklärend oder aufklärend auf, sondern zunehmend aggressiv, missionarisch und selbstgewiss – fast so, wie es früher monopolistische Ideologien und Religionen taten.

Die Instrumentalisierung einer Epoche, ihrer Ängste, Hoffnungen und Mentalitäten ist dabei kein neues Phänomen. Neu ist höchstens die Geschwindigkeit, mit der sich diese Narrative in soziale Sphären einschreiben.

Insbesondere auf Plattformen wie LinkedIn nimmt die Euphorie teilweise pathologische Züge an. Hier wird Digitalisierung nicht selten als Heilsversprechen inszeniert, KI als quasi metaphysische Erlösungskraft, und jeder technologische Fortschritt als Beginn einer neuen Menschheitsepoche verkauft. Gewiss: Es gibt eine Zäsur. Wie in jedem Jahrhundert gibt es Brüche, Beschleunigungen, neue Werkzeuge, neue Formen der Arbeit, neue Begriffe der Weltaneignung. Unsere Werkzeuge werden immer perfekter. Doch Perfektion der Werkzeuge bedeutet noch lange nicht Perfektion des Denkens.

Im Gegenteil: Denkfaule können nun hoffen, dass Maschinen ihre Arbeit übernehmen werden, während sie selbst nur noch als soziale Hülsen herumzomben – ohne Verantwortung, ohne Urteilskraft, ohne intellektuelle Anstrengung, ohne die Mühsal des eigenen Denkens. Die Maschine soll ordnen, schreiben, entscheiden, strukturieren, bewerten, synthetisieren. Der Mensch bleibt als Benutzeroberfläche seiner eigenen Entmündigung zurück.

Das Mantra dieser unwissenden, selbstinszenierenden Apostel ist genau das, was Eduard Käser 2018 in seinem Buch Trojanische Pferde unserer Zeit in erschreckender Klarheit beschrieb: Der Mensch soll zum Untertan der Geräte mutieren. Nicht mehr der Mensch gebraucht das Werkzeug, sondern das Werkzeug formt den Menschen. Nicht mehr die Technik dient dem Urteil, sondern das Urteil wird an technische Systeme delegiert. Nicht mehr Bildung, Reflexion und Verantwortung stehen im Zentrum, sondern Effizienz, Automatisierung und Anschlussfähigkeit an eine digitale Betriebslogik.

Besonders irritierend ist, dass ignorante Techmilliardäre heute globale intellektuelle Narrative darüber führen, wie die Welt von morgen aussehen soll. Sie sind reich, ja. Aber Reichtum ist bekanntlich kein Synonym für Weisheit. Viele dieser Figuren sind keine Sonnenstrahlen der Erkenntnis, sondern eher geldgierige und exzentrische Akrobaten, die mit Maschinen, Raketen, Satelliten, Datenzentren und algorithmischen Infrastrukturen dem Tod zu entkommen versuchen. Sie predigen Zukunft, meinen aber oft nur Kontrolle. Sie sprechen von Freiheit, bauen aber Abhängigkeiten. Sie sprechen von Menschheit, denken aber in Märkten, Plattformen und Machtarchitekturen.

Die alte Hybris kehrt in neuem Gewand zurück: die Natur überwinden, den Menschen optimieren, das Bewusstsein technisch simulieren, den Tod austricksen, der Mensch soll Gott werden. Wird uns KI dies ermöglichen? Oder zeigt sich gerade in dieser Frage die ganze Stupidität einer Epoche, die ihre eigenen Werkzeuge mit Erlösung verwechselt?

Wie beschränkt muss jemand sein, der mit Gewissheit behauptet, KI werde den Menschen ersetzen, ohne die banale Tatsache ernst zu nehmen, dass KI von Menschen entworfen, trainiert, begrenzt, korrigiert und in soziale, ökonomische und politische Interessen eingebettet wird? KI fällt nicht vom Himmel. Sie ist kein metaphysisches Wesen, kein Orakel, kein autonomer Geist. Sie ist ein Produkt menschlicher Modellierung, menschlicher Daten, menschlicher Interessen, menschlicher Machtverhältnisse – und damit auch menschlicher Begrenzungen.

Gerade deshalb ist die entscheidende Frage nicht, ob KI intelligent ist, sondern welche Form von Intelligenz wir selbst noch bereit sind zu kultivieren. Wollen wir urteilsfähige Menschen oder nur noch promptende Bediener? Wollen wir Bildung oder bloss Training? Wollen wir Verantwortung oder Delegation? Wollen wir Denken oder nur noch maschinell beschleunigte Reproduktion?

Die eigentliche Gefahr liegt nicht darin, dass Maschinen intelligenter werden. Die Gefahr liegt darin, dass Menschen sich freiwillig dümmer machen, weil ihnen die Maschine als Ausrede dient. Die Tragödie unserer Zeit wäre nicht die Herrschaft der KI, sondern die bereitwillige Abdankung des Menschen vor seinen eigenen Geräten.

Digitalisierung und KI sind Werkzeuge. Mächtige Werkzeuge, zweifellos (Die Karikatur zu diesem Artikel wurde mithilfe von ChatGPT erstellt). Aber sie sind keine Religion, keine Ethik, keine Philosophie, keine politische Utopie und schon gar kein Ersatz für menschliche Verantwortung. Wer aus ihnen eine Heilslehre macht, betreibt keine Aufklärung, sondern eine neue Form technischer Theologie.

Und vielleicht besteht die Aufgabe unserer Zeit gerade darin, dieser Theologie zu widersprechen: mit Bildung statt Euphorie, mit Urteilskraft statt Mantra, mit Verantwortung statt Automatisierung, mit Denken statt digitaler Selbsthypnose.

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