Die Open-Source-Illusion

Den Code besitzen heisst nicht: ihn beherrschen. Eine Behörde kann Open-Source-Software einsetzen und trotzdem abhängig sein. Von Entwicklern. Von Cloud-Betreibern. Von Dienstleistern. Das ist die Regel, nicht die Ausnahme.

Überall wird die gleiche Gleichung gesetzt: Open Source = digitale Souveränität. Sie steht da wie ein Axiom. Niemand fragt mehr nach. Sie wird a priori vorausgesetzt, als wäre sie eine Naturkonstante: in Tagungen, in Papieren, in LinkedIn-Posts, in Behördendebatten. Das ist das Problem. Nicht, dass die Gleichung falsch ist, obwohl sie das ist, sondern dass sie nicht tiefer debattiert wird. Sie ist fast sakralisiert worden. Es ist Zeit, diesen Mythos zu entzaubern. Nicht, um Open Source zu verdammen, sondern um einen Kategorienfehler zu benennen, der überall feststeht wie Zement.

Open-Source ist nicht souverän

Ein Quellcode kann offen sein, aber er kann nicht entscheiden. Und genau das ist Souveränität. Offenheit ist keine Fähigkeit. Sie ist eine Eigenschaft. Eine Behörde setzt Open-Source-Software ein und ist trotzdem völlig abhängig: von wenigen Entwicklern, von Cloud-Betreibern, von externem Know-how. Das System ist transparent. Die Handlungsfähigkeit ist null. Sie besitzt den Code, aber sie beherrscht ihn nicht. Formal frei. Praktisch abhängig. Das ist die Konstellation der Gegenwart.

Die Heilsversprecher

Es gibt eine Rhetorik. Sie geht ungefähr so:
„Jede Behörde sollte sofort zu Open Source wechseln. Dann haben wir digitale Souveränität. Dann sind wir nicht mehr abhängig von den grossen Tech-Konzernen. Der Code ist offen. Wir sind frei.“
Wunderbar. Sauber. Und völlig falsch.
Das Problem ist nicht, dass diese Position dumm ist. Es ist schlimmer: Sie ist aktiv täuschend. Sie verwechselt vorsätzlich oder fahrlässig drei Dinge:

  • Sichtbarkeit mit Beherrschbarkeit. Ja, der Code ist offen. Aber wer in einer Schweizer Behörde versteht ihn? Hundert Zeilen? Hunderttausend Zeilen? Das Projekt nutzt dreissig Abhängigkeiten. Wer prüft die? Open Source heisst nicht: Alle können es. Es heisst: Es ist nicht gesperrt. Das ist eine juristische Kategorie, keine Kompetenz.
  • Unabhängigkeit von Microsoft mit Abhängigkeit von Reddit. Man betreibt Open-Source-Software und lagert die Wartung an eine Handvoll Developer aus, in San Francisco oder Berlin, je nachdem. Der Code ist frei. Der Betrieb ist fremdbestimmt. Das Einzige, was sich ändert: Der Konzern heisst jetzt nicht mehr Redmond, sondern «Community».
  • Verfügungsrecht mit Verfügungskompetenz. Eine Behörde kann eine Open-Source-Lösung einsetzen und trotzdem von Integratordienstleistern abhängig sein, die bei jeder Änderung kassieren. Der Code gehört ihr. Die Intelligenz sitzt beim Dienstleister. Das ist Eigentum ohne Autonomie.

Was Souveränität wirklich wäre

Open Source beantwortet die Frage: Wer darf?
Souveränität beantwortet die Frage: Wer kann?
Das ist nicht die gleiche Frage.
Echte digitale Souveränität hätte mindestens diese Ebenen:
• Rechtliche Verfügungsgewalt: Ja, wir besitzen den Code.
• Technische Beherrschbarkeit: Wir verstehen ihn. Nicht im Detail. Aber wir können ihn anfassen.
• Internes Know-how: Wir haben Menschen, die ihn warten können. Nicht alle. Aber ausreichend viele.
• Kontrolle über die Infrastruktur: Wir wissen, wo die Daten laufen. Wir kontrollieren die Server.
• Wechselfähigkeit: Wenn der heutige Anbieter morgen wegfällt, kollabiert unsere Handlungsfähigkeit nicht.

Und hier wird es knifflig: Open Source hilft bei einigen dieser Punkte, bei anderen gar nicht. Ein proprietäres System von SAP ist eine Katastrophe. Es bindet dich lebenslang. Das ist wahr. Aber ein Open-Source-System, das du nicht verstehst und das von einer Person in Singapur gepflegt wird, ist auch eine Katastrophe. Nur mit besserem Gewissen.

Das echte Problem

Digitale Souveränität ist nicht technisch. Sie ist institutionell. Es geht nicht um die Codezeile. Es geht darum, wer die Kompetenz hat, das System zu beherrschen. Wer versteht es? Wer kann es kritisieren? Wer kann sich einen anderen Anbieter suchen, wenn nötig? Wer trägt die Verantwortung dafür, dass es tut, was es soll?
Open Source schafft Optionen. Das ist nicht nichts. Transparenz ist wertvoll. Die Möglichkeit, den Code zu lesen, ist wertvoll. Aber Open Source schafft keine Souveränität. Es schafft Chancen auf Souveränität, wenn daneben die institutionelle Kraft und die Kompetenz stehen. Ohne sie ist Open Source nur eine weitere Form der Abhängigkeit. Mit besserem Gewissen.

Zum Abschluss

Beim nächsten LinkedIn-Post, der Open Source als die Lösung für digitale Souveränität feiert, frag den Verfasser, ob er selbst den Code versteht. Frag ihn, wer ihn morgen wartet. Frag ihn, was passiert, wenn die Hälfte der Community sich abwendet. Wenn er antwortet, hat er schon verstanden. Wenn er ausweicht, war es nur Marketing.
Souveränität liegt nicht im Code. Sie liegt in der Fähigkeit, über ihn zu verfügen.

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