Die EU stellt den Brief unter Beobachtung

Die EU will eine befristete Ausnahme von ihren Datenschutzregeln reaktivieren. Anbieter wie Google, Meta oder Microsoft könnten private Nachrichten wieder freiwillig automatisiert nach Darstellungen sexuellen Kindesmissbrauchs durchsuchen. Verdachtsfälle dürften erst nach menschlicher Überprüfung an Behörden weitergeleitet werden.

Die Regelung soll bis April 2028 gelten. Ende-zu-Ende-Verschlüsselung darf dabei ausdrücklich nicht aufgebrochen werden. Auch das Scannen von Nachrichten auf dem Endgerät vor ihrer Verschlüsselung soll ausgeschlossen bleiben.

Die offene Frage: Der Schutz von Kindern ist ein zwingendes Ziel. Aber darf daraus eine Infrastruktur entstehen, die private Kommunikation grundsätzlich als kontrollierbares Material behandelt? Die vorgesehenen Grenzen reduzieren das Risiko einer flächendeckenden Überwachung. Sie beseitigen jedoch nicht die politische Versuchung, Ausnahmen später auszuweiten. Eine vorübergehende technische Möglichkeit wird im digitalen Staat schnell zu einer dauerhaften Erwartung. (Quelle: Tagesschau)

Aktuell

Die Open-Source-Illusion

Den Code besitzen heisst nicht: ihn beherrschen. Eine Behörde kann Open-Source-Software einsetzen und trotzdem abhängig sein. Von Entwicklern. Von Cloud-Betreibern. Von Dienstleistern. Das ist die Regel, nicht die Ausnahme.

Ein Wort wandert aus

Wie Souveränität, Neutralität und Vertrauen in die Technik einwandern und dabei ihre Geschichte verlieren. Das digitale Zeitalter erfindet pausenlos neue Maschinen, aber kaum neue Wörter für das, was diese Maschinen dem Gemeinwesen antun. Also leiht es sich alte.

Souverän, aber verwundbar

Der klassische Souveränitätsbegriff denkt vertikal: oben und unten, innen und aussen, eine Grenze um ein politisches Ganzes. Digitale Infrastrukturen verteilen Handlungsmacht dagegen über Abhängigkeiten, Protokolle und Betreiber. Wer das alte Wort ins Netz trägt, muss deshalb zeigen, worauf es dort noch verweist. Der Angriff auf die Server des Bundes zeigt, was von staatlicher Selbstbestimmung übrig bleibt, wenn sie sich im Betrieb bewähren muss und nicht nur im Strategiepapier.

Wenn KI das Richtige falsch tut

Anthropics Stresstests zeigen, wie autonome Modelle zwischen blindem Gehorsam, moralischer Eigenmacht und manipulierter Selbstkontrolle scheitern.

Der Bias vor der Maschine

Künstliche Intelligenz erfindet unsere Voreingenommenheit nicht. Sie übernimmt die Auswahl, Auslassungen und Machtverhältnisse menschlicher Wissensordnungen, verdichtet sie zu Wahrscheinlichkeiten und überführt sie in technische Verfahren. So wird aus dem oft flüchtigen Vorurteil eine skalierbare Infrastruktur: messbar, reproduzierbar und institutionell wirksam.
resdigitalis
resdigitalishttps://res-digitalis.ch
res-digitalis ist ein unabhängiger Diskursraum für die Analyse von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und ihren gesellschaftlichen Folgen. Die Plattform verortet sich bewusst zwischen zwei etablierten Polen: der technologiegläubigen Innovationsrhetorik von Wirtschaft und Beratungsindustrie einerseits und der pauschalen Technikfeindlichkeit kulturpessimistischer Kritik andererseits.