Über einen Begriff, der im Netz seine Adresse verloren hat. Der klassische Souveränitätsbegriff denkt vertikal: oben und unten, innen und aussen, eine Grenze um ein politisches Ganzes. Digitale Infrastrukturen verteilen Handlungsmacht dagegen über Abhängigkeiten, Protokolle und Betreiber. Wer das alte Wort ins Netz trägt, muss deshalb zeigen, worauf es dort noch verweist. Der Angriff auf die Server des Bundes zeigt, was von staatlicher Selbstbestimmung übrig bleibt, wenn sie sich im Betrieb bewähren muss und nicht nur im Strategiepapier.
Es gibt Wochen, in denen die Wirklichkeit die Satire übernimmt. Anfang August 2026 rückte der Bundesrat die digitale Souveränität ins Zentrum der Strategie Digitale Schweiz. Vorgesehen war eine interdepartementale Arbeitsgruppe, die sicherheits- und aussenpolitische Risiken der digitalen Ressourcen des Bundes systematisch erfassen sollte. Fast gleichzeitig kompromittierten Angreifer rund zweihundert Konten auf den SharePoint-Servern des Bundesamts für Informatik und Telekommunikation. Das BIT sperrte den externen Zugriff und setzte die Systeme vorsorglich neu auf. Souveränität als Programm, Neuinstallation als Praxis.
Man kann das für einen unglücklichen Zufall halten. Ergiebiger ist die Vermutung, dass darin eine Struktur sichtbar wird. Wer von Souveränität spricht, während er patcht, handelt von zwei verschiedenen Gegenständen und tut so, als handle es sich um einen einzigen.
Die Etymologie einer Höhe
Der Begriff trägt seine Vertikale schon in der Herkunft. Er geht auf das vulgärlateinische «superanus» zurück, gebildet aus «super», darüber: Souverän ist, wer obenauf liegt. Jean Bodin gab ihm 1576 seine kanonische Fassung: puissance absolue et perpétuelle, absolute und immerwährende Gewalt, ungeteilt, unableitbar und an keine irdische Instanz gebunden. Der Souverän ist legibus solutus, von den Gesetzen gelöst, weil er sie setzt. Carl Schmitt zog daraus im 20. Jahrhundert die schärfste Konsequenz: Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.
All diese Bestimmungen teilen dieselbe räumliche Voraussetzung: eine Hierarchie von oben und unten, ein Innen, das durch eine Grenze vom Aussen geschieden wird. Souveränität bezeichnet daher eine Topologie, bevor sie Macht bezeichnet. Sie funktioniert in einer Welt, in der man Territorien mit Linien begrenzen, Häfen schliessen und Boten zurückweisen kann. Dort hatte das Wort seine Adresse.
Digitale Netze kennen keinen solchen Ort. In ihnen zählen Verbindungen, Abhängigkeiten und Reichweiten. Wer den Begriff unverändert in diese Sphäre trägt, begeht keinen Denkfehler im Detail, sondern einen Adressierungsfehler im Prinzip: Die Botschaft ist korrekt formuliert, doch ihr Empfänger fehlt.
Latour, oder das Parlament der Dinge patcht nicht
Bruno Latour bestand ein Leben lang darauf, dass Handlungsmacht sich nicht in Subjekten sammelt, sondern über Assoziationen verteilt. Akteur ist, was andere zum Handeln bringt; Menschen können das ebenso sein wie Institutionen, Protokolle, Zertifikate oder Server. Sein Parlament der Dinge war nie eine Metapher für Naturschutz, sondern eine Verfassungsfrage: Wer sitzt am Tisch, wenn entschieden wird?
Im Fall des BIT lässt sich diese Frage empirisch beantworten. Am Tisch sassen ein Softwarehersteller in Redmond, eine Schwachstelle in einer Kollaborationssoftware, ein Patch-Zyklus, ein Betriebsteam, eine Warnung des deutschen BSI vom Juli, ein Angreifer und etwa zweihundert Konten. Nicht vertreten war der Bundesrat; er sass in einer anderen Sitzung, in der über die Herkunft von Rechenzentren gesprochen wurde.
Das Gefüge, das den Vorfall ermöglichte, verlief quer zu allen Zuständigkeiten. Genau das meint Latour mit Übersetzung: Jede Station verschiebt die Absicht ein wenig, bis etwas geschieht, das niemand angeordnet hat. Das klassische Modell setzt dagegen eine ungebrochene Befehlslinie voraus. Übersetzungsprozesse kennen keine unveränderten Befehle, sondern Transformationen. Ein Staat kann darin stark oder schwach, gut oder schlecht verbunden sein; er bleibt Teil davon. Die Vorstellung eines äusseren Punktes, von dem aus sich das Ganze beherrschen liesse, ist die letzte Theologie der Verwaltungswissenschaft.
Foucault, oder der König ohne Kopf
Michel Foucault hat den Ausweg vor fünfzig Jahren beschrieben; die Politik hat ihn bis heute nicht genommen. In der politischen Theorie, schrieb er, habe man dem König noch immer nicht den Kopf abgeschlagen. Man denke Macht weiterhin als Recht, Verbot, Grenze und souveräne Verfügung, während sie längst anders arbeite: als Disziplin, als Verwaltung von Prozessen, als Gouvernementalität. Macht sitzt nicht auf einem Thron; sie wirkt in Verfahren, Registern, Normen und Routinen. In der Sprache eines Bundesamts: in Betriebshandbüchern und Wartungsfenstern.
Auch das Panoptikum verdient eine zweite Betrachtung, weil es meist allzu bequem zitiert wird. Benthams Anlage funktioniert durch Asymmetrie der Sichtbarkeit. Der Turm sieht, ohne gesehen zu werden. Die Insassen richten ihr Verhalten an einem Blick aus, den sie nicht prüfen können, und internalisieren so die Aufsicht.
Die digitale Verwaltung eines mittelgrossen europäischen Staates ist in dieser Anordnung nicht der Turm, sondern eine gut ausgestattete Zelle mit Aussicht. Ihre Abhängigkeiten bleiben ihr teilweise verborgen, weil die Lieferketten der Software undurchsichtig sind; ihre eigenen Systeme hingegen sind für jeden Scanner im Netz lesbar. Die Opazität liegt beim Anbieter, die Transparenz beim Kunden. Auch der wirksamste Effekt des Panoptikums stellt sich ein: vorauseilende Anpassung an eine Aufsicht, die niemand unmittelbar ausüben muss. Der CLOUD Act muss nicht angewendet werden, um zu wirken. Es genügt, dass er existiert und niemand weiss, wann er greift.
Aus der Ordnung der Dinge liesse sich der Rest ergänzen. Begriffe gehören zu einer Episteme, einer historischen Wissensordnung, die festlegt, welche Aussagen überhaupt sinnvoll sind. Souveränität war der Zentralbegriff einer Episteme der Territorien. Nun wandert sie als Untote durch eine Episteme der Protokolle und bewahrt jene Aura sakraler Bedeutsamkeit, die Wörter gerade dann entwickeln, wenn ihr Gegenstand verschwunden ist.
Agamben, oder die Souveränität des Steckers
Giorgio Agamben radikalisierte Schmitts Formel und erklärte den Ausnahmezustand zum eigentlichen Ort des Souveräns. Souverän ist, wer die Ordnung aussetzen kann: von innen, durch einen Akt, der zugleich innerhalb und ausserhalb des Rechts steht.
Prüft man den Vorfall an diesem Massstab, ergibt sich eine unangenehme Präzision. Nur ein souveräner Akt lässt sich benennen: die Sperrung des Zugriffs für bundesexterne Personen. Der Bund konnte die Lücke nicht selbst schliessen, die Software nicht ändern und den Angreifer nicht verfolgen. Er konnte abschalten. Darin besteht die gesamte verbliebene Macht in einer Architektur, die er nicht gebaut hat; man sollte sie nicht kleinreden, denn sie ist real. Aber sie ist rein negativ. Souveränität schrumpft auf das Recht, den Stecker zu ziehen.
Zudem übernahm Agamben von Foucault den Begriff des Dispositivs und weitete ihn auf alles aus, was Verhalten einfängt, orientiert und kontrolliert. Eine Kollaborationsplattform ist in diesem Sinn ein Dispositiv. Sie legt fest, was ein Dokument ist, wer es sieht, was als Zusammenarbeit gilt und welche Spur bleibt. Die Verwaltung hat diese Entscheidungen nicht getroffen. Sie hat sie lizenziert.
Der Einwand, der die These schärft
Nun der ernsthafteste Widerspruch, und er ist gut. Kein System ist unverwundbar. Ein europäischer Anbieter hätte dasselbe Patch-Problem, dieselbe Standardsoftware, dieselben müden Betriebsteams am Freitagabend. Der Vorfall sagt also mehr über IT-Betriebsführung aus als über politische Autonomie. Wer ihn als Beleg mangelnder Souveränität anführt, argumentiert unsauber.
Der Einwand trifft zu, aber nicht die These; er präzisiert sie. Zwei Fragen sind im Spiel, die beharrlich verwechselt werden. Die erste ist juristisch und betrifft den Zugriff: Welche fremde Rechtsordnung kann auf Daten und Systeme durchgreifen, und mit welcher Wahrscheinlichkeit tut sie es? Diese Frage ist real. Der CLOUD Act ist kein Gespenst, und die Herkunft spielt dafür tatsächlich eine Rolle. Die zweite ist operativ und betrifft den Betrieb: Wer erkennt eine Schwachstelle? Wie schnell wird sie geschlossen? Wie tief reicht ein kompromittiertes Konto? Wie rasch ist das System wieder betriebsbereit?
Auf die zweite Frage antwortet die Herkunft gar nicht. Ein Server in Bern, der drei Wochen ungepatcht läuft, ist weniger souverän als einer in Dublin, der innerhalb von vier Stunden gepatcht wird. Falls der Begriff hier noch etwas leisten soll, muss er Handlungsfähigkeit bezeichnen, nicht Postleitzahlen. Die Bundesdebatte gibt eine geopolitische Antwort auf ein betriebliches Problem und gewinnt dabei etwas Wertvolles: Sie kann Entschlossenheit zeigen, ohne die Betriebskosten zu erhöhen. Strategiepapiere sind billiger als Personal im Nachtdienst.
Aufgeklärtes falsches Bewusstsein
Damit ist der Punkt erreicht, an dem der Zynismusbegriff nicht als Stilmittel dient, sondern als Diagnose. Sloterdijk bestimmte den modernen Zynismus als aufgeklärtes falsches Bewusstsein. Es ist das Bewusstsein derer, die genau wissen, was sie tun, und dennoch so handeln, weil die Alternative unbequem, teuer oder politisch unmöglich wäre. Der klassische Ideologiebegriff setzte Täuschung voraus; der Zyniker braucht keine. Ihm genügt Erschöpfung.
Man findet diese Haltung nicht in Verschwörungen, sondern in sorgfältig redigierten Dokumenten. Die Bundesverwaltung setzt auf eine hybride Multi-Cloud statt auf technologische Autarkie. Das ist begründbar und in der Sache vermutlich richtig. Zugleich verwaltet dieser Mittelweg die Souveränitätsfrage eher, als dass er sie beantwortet; jeder Beteiligte weiss es. Niemand lügt. Alle sind informiert. Genau darin besteht der Zynismus. Er ist nicht der Gegensatz zur Aufklärung, sondern ihr müde gewordenes Ergebnis: eine erlernte Gleichgültigkeit, die sich als Realismus präsentiert.
Sloterdijk stellte dem Zynismus den Kynismus entgegen, die frechere und ältere Variante. Diogenes argumentierte nicht gegen Platon, er wohnte in einer Tonne und pisste in der Öffentlichkeit. Als Alexander, Herrscher im vollen Wortsinn, vor ihm stand und ihm die Erfüllung eines Wunsches anbot, bat Diogenes ihn, aus der Sonne zu gehen. Das ist keine Anekdote über Bescheidenheit, sondern eine Theorie der Macht in einem Satz: Der Souverän erweist sich als Schattenwerfer, sonst nichts.
Die kynische Antwort auf ein Souveränitätspapier ist deshalb keine Gegenschrift, sondern eine Frage nach dem Patch-Level. Ein seit Tagen ungepatchter Server und zweihundert Konten mit Adminrechten sagen über die Handlungsfähigkeit einer Verwaltung mehr aus als der Standort des Rechenzentrums, das Wertebekenntnis des Anbieters und die Eleganz einer Strategie.
Was bliebe
«Ein Mustervolk okzidentaler Zivilisierung» hat den Vorteil, dass es sich Nüchternheit leisten kann. Es müsste den Begriff nicht abschaffen, sondern nur aufhören, ihn als Adjektiv für Absichten zu verwenden. Souveränität im Netz lässt sich nicht besitzen; sie muss an konkreten Stellen jeden Tag neu hergestellt werden. Sie beginnt mit dem Verständnis des Systems, das man betreibt, und reicht bis zur Fähigkeit, es ohne fremde Hilfe wieder hochzufahren. Alles dazwischen ist Betrieb: unglamourös und deshalb in keiner Strategie titelwürdig.
Es gibt eine Probe aufs Exempel, und sie kostet nichts. Man streiche in einem beliebigen Strategiepapier das Wort «Souveränität» und setze an seine Stelle: Wir wissen, was läuft, und können es selbst wieder in Gang setzen. Wo der Satz dann noch stimmt, war der Begriff berechtigt. Wo er falsch wird, war er Dekoration.
Schmitt schrieb, souverän sei, wer über den Ausnahmezustand entscheide. Im digitalen Raum tut dies, wer die Schwachstelle zuerst findet. Alle anderen verwalten ihn.
