Souveränität als Einkaufskriterium

Schweizer Unternehmen bewerten ihre ICT-Beschaffungen zunehmend nach vier Formen digitaler Souveränität: Daten, Technologie, Betrieb und Recht. Oberste Priorität besitzt die Kontrolle über die eigenen Daten – einschliesslich eines technisch nachweisbaren Ausschlusses fremder Zugriffe.

Der Standort eines Servers verliert dagegen an symbolischer Kraft. Ein Rechenzentrum in der Schweiz garantiert allein noch keine Kontrolle. Entscheidend werden Verschlüsselung, eigene Schlüssel, überprüfbare Betriebsmodelle und der Schutz vor extraterritorialen Rechtszugriffen.

Die offene Frage: Die neue Aufmerksamkeit ist überfällig. Gleichzeitig droht Souveränität zu einem weiteren Verkaufsversprechen zu werden. Wer prüft, ob die behauptete Unabhängigkeit technisch und rechtlich tatsächlich besteht? Auffällig ist zudem, dass Open Source und die Vermeidung von Vendor-Lock-ins weniger stark gewichtet werden. Man schützt möglicherweise die Daten von heute, während man die technologische Abhängigkeit von morgen bereits unterschreibt. (Quelle: Netzwoche, 19. Juli 2026)

Aktuell

Die Open-Source-Illusion

Den Code besitzen heisst nicht: ihn beherrschen. Eine Behörde kann Open-Source-Software einsetzen und trotzdem abhängig sein. Von Entwicklern. Von Cloud-Betreibern. Von Dienstleistern. Das ist die Regel, nicht die Ausnahme.

Ein Wort wandert aus

Wie Souveränität, Neutralität und Vertrauen in die Technik einwandern und dabei ihre Geschichte verlieren. Das digitale Zeitalter erfindet pausenlos neue Maschinen, aber kaum neue Wörter für das, was diese Maschinen dem Gemeinwesen antun. Also leiht es sich alte.

Souverän, aber verwundbar

Der klassische Souveränitätsbegriff denkt vertikal: oben und unten, innen und aussen, eine Grenze um ein politisches Ganzes. Digitale Infrastrukturen verteilen Handlungsmacht dagegen über Abhängigkeiten, Protokolle und Betreiber. Wer das alte Wort ins Netz trägt, muss deshalb zeigen, worauf es dort noch verweist. Der Angriff auf die Server des Bundes zeigt, was von staatlicher Selbstbestimmung übrig bleibt, wenn sie sich im Betrieb bewähren muss und nicht nur im Strategiepapier.

Wenn KI das Richtige falsch tut

Anthropics Stresstests zeigen, wie autonome Modelle zwischen blindem Gehorsam, moralischer Eigenmacht und manipulierter Selbstkontrolle scheitern.

Der Bias vor der Maschine

Künstliche Intelligenz erfindet unsere Voreingenommenheit nicht. Sie übernimmt die Auswahl, Auslassungen und Machtverhältnisse menschlicher Wissensordnungen, verdichtet sie zu Wahrscheinlichkeiten und überführt sie in technische Verfahren. So wird aus dem oft flüchtigen Vorurteil eine skalierbare Infrastruktur: messbar, reproduzierbar und institutionell wirksam.
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res-digitalis ist ein unabhängiger Diskursraum für die Analyse von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und ihren gesellschaftlichen Folgen. Die Plattform verortet sich bewusst zwischen zwei etablierten Polen: der technologiegläubigen Innovationsrhetorik von Wirtschaft und Beratungsindustrie einerseits und der pauschalen Technikfeindlichkeit kulturpessimistischer Kritik andererseits.